Grußwort

Liebe Freunde, liebe Unterstützer, liebe Interessierte,

nach dem jüdischen Lichterfest und dem Christfest, starten wir wieder voller Elan in 2020. Im neuen Jahr freuen wir uns besonders darauf, dass David Lüllemann, unser Bereichsleiter für „Bildung gegen Antisemitismus“, uns seit Jahresanfang in der Leitung von Zeugen der Zeitzeugen unterstützt. Durch seine treue und exzellente Mitarbeit hat er unser großes Vertrauen erworben. Wir werden Zeugen der Zeitzeugen künftig zu dritt als drei Co-Direktoren leiten, um die Verantwortung auf mehreren Schultern zu verteilen. Unser gemeinsames Herzensanliegen ist es, zusammen mit jüdischen Partnern prägende Bildungsbegegnungen in Europa zu schaffen, die Menschen verändern und inspirieren.

In diesem, eher inhaltlich geprägtem Newsletter zeigen wir die Bandbreite unserer Arbeit in den Generationen auf – gegen Antisemitismus durch Bildung!

Wir freuen uns, auch in der neuen Aufstellung zu dritt, auf den Austausch und die Zusammenarbeit im Team, mit Freunden und Partnern!

Herzlichen Dank für die finanzielle Unterstützung unserer Bildungsreise nach Israel vom 01.-08.03.2020. Wir werden über facebook Tagebuch führen 😊

Ihre Marina und Daniel Müller

PS: Sie suchen einen kurzen Einblick in unsere Arbeit? Gerne über unser Imagevideo (03:22 min).

Meine Schwerpunkte in der Leitung

von David Lüllemann

David Lüllemann

Als ich im Frühling 2015 erstmals Marina Müller und ihrem Team von „Zeugen der Zeitzeugen“ begegnet bin, hätte ich wohl kaum vermutet, mich eines Tages in der Leitung des Projektes wiederzufinden. 

Neben meinem Studium der Geschichte und Judaistik ist das Projekt nach wie vor ein guter Ausgleich – hier kann ich mein Wissen um und meine Leidenschaft für die jüdische Geschichte und Gegenwart in die Zivilgesellschaft einbringen. Als Teil meines Leitungsschwerpunkts wird mein bisheriger Bereich „Bildung gegen Antisemitismus“ fortbestehen – er bleibt leider bitter nötig. 

Ich bin dem gesamten Team und besonders Marina und Daniel sehr dankbar für den bisherigen Weg, den wir nun gemeinsam fortsetzen.

 

Kurzinterview mit Ernst Krakenberger

von Daniel Müller

Am 09. August 2019 hatte ich das Vorrecht Herrn Krakenberger im Nürnberger Land für ein Interview zu treffen. Wir hatten uns im Rahmen des diesjährigen Freundestreffens in Nürnberg kennengelernt.

Herr Krakenberger wurde am 22. Dezember 1940 in Naarden, Großraum Amsterdam, in die Familie von Martha Krakenberger (geb. Kissinger 1901 – 1994) und Jakob Otto Krakenberger (1898 – 1991) geboren.

Seine Eltern waren vor Beginn des Zweiten Weltkriegs aus Nürnberg in die Niederlande geflohen. Jakob Otto Krakenberger kannte durch seine Aktivitäten im Hopfenhandel einen deutschen Geschäftsmann in Amsterdam mit Namen Stockmann. Im Mai 1940 kapitulierten die Niederlande vor Nazi-Deutschland.

Wissend, was auf Juden in von Deutschen besetzten Ländern zukommen würde, machte Familie Stockmann der Familie Krakenberger 1941 folgendes Angebot: „Wenn etwas ist, wir nehmen ihren Sohn.“

So kam es, dass Ernst Krakenberger ab Mitte 1942 bei der Familie Stockmann lebte. Seine Hauptbezugsperson wurde Margret (Maja) Stockmann, das mittlere der drei Kinder der Bankiersfamilie. Mit der Familie Stockmann lebte er in Aerdenhout bis Mitte 1943, dann mit Maja Stockmann alleine an verschiedenen Orten in Haarlem und Umgebung, da Familie Stockmann ebenfalls untertauchen musste (Deutsche Abstammung – Wehrmacht – Arbeitsdienst).

Herrn Krakenbergers Eltern waren bis 1945 in den KZs und Außenstellen Vught, Westerbork, Bergen-Belsen und Biberach interniert. Durch die Hilfe eines niederländischen SS-Mannes konnten Stockmanns auch Bilder von Herrn Krakenberger in einem Laib Brot seinen Eltern zukommen lassen. Direkter Kontakt zu ihrem Sohn Ernst war in dieser Zeit unmöglich.

Zahlreiche Verwandte aus dem Kissinger-Zweig und ein Onkel Krakenberger starben während der Shoah. In Bad Kissingen wurden zu ihrem Gedenken Stolpersteine angebracht.

An Mai 1945, als kanadische Truppen Amsterdam befreiten, hat Herr Krakenberger erste eigene Erinnerungen an sein Umfeld. Im September 1945 hörte Herr Krakenberger beim Einkaufen mit Maja: „Sie sind wieder da!“ und traf auf zwei Unbekannte, die ihm als seine Eltern vorgestellt wurden. Er begrüßte sie mit: „Dag Mijnheer, dag MeVrouw.“ – auf Deutsch: „Guten Tag gnädiger Herr, guten Tag gnädige Frau.“

In unserem Interview bezeichnet er diese Begegnung als die prägendste seiner Kindheit.

Auf den Wunsch seiner katholischen Retter hin, ließen die beiden Eltern Herrn Krakenberger katholisch taufen, quasi als ein Dankeschön.

Ernst Krakenberger machte 1957 Abitur in Amsterdam und absolvierte 22 Monate Militärdienst in den Niederlanden. 1966 zogen seine Eltern nach Lugano ins schweizerische Tessin. Im gleichen Jahr zog Herr Krakenberger nach Nürnberg, das damalige Europazentrum des Hopfenhandels, um das väterliche Geschäft weiter zu entwickeln. 

Bis heute wohnt er in Nürnberg und Umgebung als niederländischer Staatsbürger und überzeugter Europäer.

1983 kam Herr Krakenberger das erste Mal nach Israel. Wiederholt bereiste er das „touristisch interessante“ Land.

Auch heute noch unterstützt er aus Verbundenheit zu Israel mit seiner Stiftung „Laurusstern“ Projekte vor Ort (Träger: Jüdischer Nationalfonds, Keren Hayesod und Israel National Council for the Child).

Seinen berühmten Großcousin Henry Kissinger (geb. 1923, ehem. amerikanischer Außenminister) traf er einmal, als dieser Ehrenbürger der Stadt Fürth wurde.

Margret (Maja) Stockmann-Verhaak (jetzt 95) und ihre beiden Eltern bekamen von Yad VaShem die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ mit der Inschrift ihrer Namen in der dortigen Ehrenmauer.

Für die Zukunft und für die junge Generation in Deutschland formuliert Herr Krakenberger folgende Wünsche:

  1. Erinnerung an den Holocaust lebendig halten
  2. Besseren Unterricht im Fach Geschichte anbieten
  3. Keine „Schuldgefühle“ für die Vergangenheit empfinden
  4. Verantwortung für die Geschichte, heute und in Zukunft leben

Vielen Dank Herr Krakenberger für die Zeit und das Teilen Ihrer besonderen Geschichte!

Ernst Krakenberger im August 2019

Ernst Krakenberger im März 1941 mit seiner Mutter Martha

Seine Retter – die Familie Stockmann 1943

Herr Krakenberger wieder vereint mit seinen Eltern in den 1940ern

 

Bildungsprojekt in Berlin: „Das Leben der ‚Jeckes‘ im Mandatsgebiet Palästina“

von David Lüllemann

Für einen Vortrag unter diesem Titel luden wir Naomi Sommerfeld-Amitay, eine ehemalige Lehrerin aus Israel, am 30. Oktober 2019 nach Berlin ein. Sie ist selbst als Tochter deutscher Einwanderer in Israel geboren worden. So kennt Naomi die Kultur der deutschen Juden in Israel aus eigener Erfahrung. Da sie momentan ein Buch über die schwierigen Anfänge der deutschen Juden, die in den 30er Jahren vor dem NS-Terror nach Palästina geflüchtet waren, schreibt, konnte sie der sehr bunten Zuhörerschaft diese Zeit in schillernden Lebensbildern begreiflich machen. 

So gab es auseinandergerissene Familien, ehemalige Ärzte, die sich als verarmte Tagelöhner verdingen mussten, und einen Opernsänger, der in Tel Aviv auf der Straße Würstchen verkaufte. Vor allem aber die unsichere politische Lage und die schwere körperliche Arbeit, etwa beim Anlegen von Orangenplantagen in der Hitze der Levante, machte vielen der bald vorurteilsbeladen als „Jeckes“ bezeichneten Juden aus Deutschland zu schaffen. Aber auch von der Geschichte ihrer eigenen Eltern erzählte Naomi Sommerfeld-Amitay mit der ihr eigenen Fähigkeit, die Menschen in den Bann ihrer Erzählung zu ziehen. Zugleich berichtete sie aber auch von manchen, die vergeblich versuchten, auszuwandern und so später meist den deutschen Todeslagern zum Opfer fielen.

Ich selbst hatte das Vergnügen, unser Projekt Zeugen der Zeitzeugen dem interessierten Publikum nahezubringen. Wir danken neben Naomi Sommerfeld-Amitay auch Bitja Terschüren aus dem Berliner Team für die Organisation und der Kreuzkirche Berlin-Lankwitz für den Raum für die Veranstaltung.

Bilder ZdZ (Anm.: Weil die Photographie älter als 50 Jahre sein muss, ist sie gemeinfrei, ein Urheber also nicht anzugeben (Lichtbilder nach §72 UrhG).)

Ein ehemaliger Opernsänger aus dem Deutschen Reich verkauft Würstchen auf einem Platz in Tel Aviv.

Naomi Sommerfeld-Amitay

Bitja Terschüren, Naomi und David Lüllemann mit einem Dankeschön

 

Why do I volunteer for ZdZ

by Erika Ginzburg – Team Prague

Erika Ginzburg

I have always been interested in history and human stories. I think it is very important to learn about the past and the Holocaust, know more about what people experienced first-hand and how this has shaped the families. I believe there is a place in the modern world for the work with Holocaust survivors and their witnesses, to bring peace and hope among peoples.

Übersetzung:

Ich habe mich schon immer für Geschichte und Biographien interessiert. Ich denke, es ist sehr wichtig über die Vergangenheit allgemein und über den Holocaust speziell zu lernen. Einfach um aus erster Hand zu erfahren wie diese Geschichte Familien geprägt hat. Ich glaube es gibt einen Ort in der modernen Welt für die Arbeit mit Holocaust-Überlebenden und ihren Zeugen, um Frieden und Hoffnung in der Völkerverständigung zu bringen.

 

Redaktionsteam: David Lüllemann, Erika Ginzburg, Marina & Daniel Müller

Fotos: ZdZ & Ernst Otto Krakenberger